Eine kleine jüdische Nachkriegsgemeinde: Das jüdische DP-Camp „Silhöfer Au“ in Wetzlar

Ich habe mich im Rahmen der Übung „(Forgotten) Eastern European History made in Germany? – Displaced Persons im deutschsprachigen Raum in der Nachkriegszeit. Vom Vergessen, Erinnern und Migrieren“ mit dem jüdischen DP-Camp in der Kaserne „Silhöfer Au“ in Wetzlar beschäftigt. Mich interessierte dabei besonders, inwiefern die durch den Status als jüdisches DP-Camp gewonnene Autonomie der Lagerbewohner*innen umgesetzt wurde, um eine selbstbewusste jüdische Diaspora-Gesellschaft erstarken zu lassen und ihnen ihre zermürbende Wartesituation im Land der Täter zu erleichtern oder sie zumindest zeitweise von dieser abzulenken.

Die Unterkünfte für jüdische DPs in der Kaserne Silhöfer Au in Wetzlar. (Quelle: Stadtarchiv Wetzlar/https://www.after-the-shoah.org/wetzlar-juedisches-dp-lager-jewish-dp-camp/)

Das Gelände und die Gebäude gehörten ehemals zu der „Sixt-von-Armin-Kaserne“, einer von der Wehrmacht genutzten Befestigungsanlage, welche eine der größten Garnisonen war, die in Hessen unterhalten wurde. Nach der Kapitulation Deutschlands und dem darauffolgenden Abziehen der deutschen Soldaten blieb das Gelände zunächst ungenutzt. Dies änderte sich aber, als über 300.000 polnische Jüdinnen und Juden die deutschen Besatzungszonen erreichten, da diese innerhalb der Emigrationsbewegung, welche nach dem Massaker von Kielce am 4. Juli 1946 erfolgte, aus Furcht vor weiteren gewaltsamen antisemitischen Übergriffen nach Westen flohen. Das Resultat davon war absehbar: Die bestehenden Notunterkünfte in Deutschland, welche bereits vor dem Eintreffen dieser großen Anzahl an Flüchtlingen Probleme hatten, die vielen nach Beendigung des zweiten Weltkriegs entstandenen DPs unterzubringen, wurden nun gänzlich überfüllt. Zur Entlastung wurden weitere Übergangslager für DPs geschaffen, welche in ihrer Art vielfältig waren: von ehemaligen Konzentrationslagern über leerstehende Wehrmachtsbauten bis hin zu gesamten Kleinstädten, aus denen die bis zu dem Zeitpunkt wohnhafte, deutsche Landbevölkerung, von den alliierten Besatzungsmächten vertrieben wurden. Die „Silhöfer Au“ war eine dieser hastig hochgezogenen Notunterkünfte für große Flüchtlingsgruppen: Im September 1946 wurden ca. 4000 Menschen im Lager untergebracht. Dieses nun errichtete DP-Camp im Distrikt 2 der amerikanischen Besatzungszone beherbergte ausschließlich jüdische DPs1. Alle von ihnen kamen aus Osteuropa, dabei zum Großteil aus Polen.

Die neu errichteten DP-Lager boten zwar genug Platz für den Aufenthalt der DPs, aber in vielen der Camps herrschten teilweise katastrophale Wohn- und Lebensverhältnisse. Die ausschließlich jüdischen DP-Camps hingegen genossen aber bei den Alliierten eine Sonderstellung. Bereits ein Jahr vor dem rasanten Anstieg der Zahl der Flüchtenden aus Osteuropa erschien der Harrison- Report vom August 1945, welcher die menschenunwürdigen Verhältnisse klar und treffend darstellte: Mangelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin, fehlende Heizkörper für den kalten Winter in Deutschland und die beinahe komplett fehlende Vermisstensuche der Hinterbleibenden boten dem amerikanischen Journalisten Earl Harrison ein erschreckendes Bild der internen Lagerverhältnisse. Ein zentrales Fazit, welches im Harrison-Report gezogen wurde, war die dringende Empfehlung, sich prioritär um die Gruppe der jüdischen DPs zu kümmern, da diese besonders darunter litten, nicht selten auf engem Raum mit ehemaligen Peiniger*innen oder NS-Kollaborateuren leben zu müssen. So schreibt Harrison in seinem Fazit „CONCLUSIONS AND RECOMMENDATIONS“: „Here I feel strongly that greater and more extensive efforts should be made to get them out of camps for they are sick of living in camps.“2 Der damalige US-Präsident Truman, welchem die Recherche am 24. August 1945 vorgelegt wurde, verlieh den jüdischen DPs umgehend einen Status als Gruppe mit „besonderen Bedürfnissen“3. Daraus resultierte vergleichsweise zügig eine Verlegung der bis dahin mit anderen sozialen oder nationalen Gruppen gezwungenermaßen zusammenlebenden Jüdinnen und Juden in gesonderte Lager, welche sich durch eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen auszeichneten.4 Diese Anerkennung als eigene soziokulturelle Gruppe machte sich auch über ein Jahr später in dem neu errichteten jüdischen DP-Camp Silhöfer Au bemerkbar.

Eine weitere große Errungenschaft des Harrison-Reports für die Insassen der jüdischen DP- Camps in der US-Zone war, neben Verbesserungen der Versorgung und Unterbringung, dass ihnen innerhalb ihrer Lager ein hohes Maß an Selbstverwaltung und -verantwortung zugetraut und ihnen dementsprechend durch die alliierten Besatzungsmächte eine weitgehende Autonomie gewährt wurde. Dadurch erstarkte eine selbstständige jüdische Gemeinde, welche sich selbst verwaltete und ihren Mitglieder*innen zumindest ein Stück

Normalität und Heimatgefühl in diesem feindseligen und nur als „Wartesaal“ zur Überreise in die USA oder den jüdischen Staat Israel verstandenen Territorium bieten konnte.5 Durch die neugewonnene Selbstbestimmung wurde zügig ein intaktes Schulwesen im Lager errichtet: Es entstanden ein Kindergarten mit 120 Kindern und eine Volksschule, in welcher 23 Lehrkräfte die rund 450 schulpflichtigen Kinder unterrichteten. Des Weiteren konnten die älteren Lagerinsass*innen eine Berufsschule zur Erlernung eines handwerklichen Berufes besuchen. Die Talmud-Thora, eine jüdische Religionsschule, lehrte allen Teilnehmer*innen die Grundzüge des Judentums. Außerdem besaß das Lager ein eigenes Krankenhaus.6 Darüber hinaus gab es im Lager auch eine Vielzahl an Freizeit- und Sportaktivitäten. Das umfassende Sportangebot reichte von Boxen über Leichtathletik bis hin zu professionellem Fußball. Das DP-Camp führte drei Fußballvereine: Elizur Wetzlar, Makabi Wetzlar und Bar Kochba Wetzlar. Bar Kochba Wetzlar, dessen Vereinsname bei der jüdischen Heldenfigur Simon bar Kochba ihren Ursprung findet, spielte sogar in der Gruppe Nord der 1. Division der US-Zone. Besonders auf die Spiele dieser Mannschaft, aber auch auf viele andere Sport- Events wurde im Lager mittels eines schwarzen Brettes verwiesen. Die Spiele erfreuten sich großer Beliebtheit und hatten regelmäßig viele hunderte Zuschauer, weswegen man dem Fußball auch eine hohe emotionale Bedeutung für die Menschen im Lager zugestehen kann, da sich die jüdischen Lagerbewohner so von ihrer deprimierenden und für viele zermürbende Übergangssituation ablenken konnten.

Die erhaltene Autonomie gewährte den DPs aus Silhöfer Au also viele Vorteile für den Aufbau eines unabhängigen und beinah schon „normalen“ Lebens im Lager. Das sorgte jedoch auch dafür, dass eine eigene, lagerintern-agierende Sicherheitsinstitution gebraucht wurde, da deutsche Sicherheitskräfte das Lagergelände nicht mehr betreten durften. Daher wurde eine jüdische Lager-Polizei ausgebildet und für die Sicherheit im Lager eingesetzt. Ausgebildet und ausgestattet wurden diese Sicherheitskräfte an Schulen der US-Armee in Stuttgart und Regensburg.7 Des Weiteren wurde ab 1946 die Ausbildung durch Hagana-Sicherheitskräfte begonnen, einer Art jüdischer, paramilitärische Bürgermiliz. Deren Ziel war es, eine jüdische Armee aufzubauen, um die Staatengründung Israels auf dem damaligen Territorium Palästinas zu gewährleisten und die israelischen Siedler zu schützen, da dieser Prozess, erwartungsgemäß kriegerisch ablaufen würde. In Wetzlar entstand, wie in vielen anderen DP-Camps in der US-Besatzungszone, ein heimliches Büro zur Rekrutierung, bei dem sich alle Männer zwischen 18 und 35 Jahren zu melden hatten. Wer dies nicht tat, wurde im Lager geächtet. Im Lager Silhöfer Au wurden die Namen der Wehrdienstverweigerer auf einer öffentlichen Tafel ausgestellt.7

Ungefähr zur selben Zeit wie der Ausbildungsstart der Männer im Camp zu Hagana- Sicherheitskräften setzte auch der langsame demografische Abbau des DP-Lagers ein: Zwischen November 1946 bis Januar 1948 stagnierte die Zahl der Einwohner*innen etwa bei 4100 bis 4200. Im Mai desselben Jahres waren es nur noch 3997 Einwohner*innen und diese Zahl sank weiter über den Oktober 1948 mit noch 3714 Einwohner*innen bis hin zum März 1949, also nur einem halben Jahr nach der letzten Zählung, auf gerade einmal noch 2443 Personen. Dieser Weggang der ehemaligen Lagerbewohnerschaft ist sowohl auf die Staatengründung Israels am 14. Mai 1948 als auch auf die zur selben Zeit erfolgte Liberalisierung der Einwanderungsgesetze in die USA zu erklären.8 Das Lager wurde dann wenig später, ebenfalls im März 1949, geschlossen.9

Heute erinnert nur noch wenig Offensichtliches an die Vergangenheit, welche sich auf diesem Gelände abspielte. Mittlerweile befindet sich die Caritas auf dem Gebiet des ehemaligen DP-Camps und unterstützt Bedürftige. Für mich persönlich wurde nach dem längeren Befassen mit diesem Camp deutlich, dass das Leben in dieser nur jüdischen Gesellschaft für viele Juden nach den traumatischen Begebenheiten in Folge des Holocausts höchstwahrscheinlich dazu beitrug, dass sie ein kulturelles Selbstbewusstsein zurückerlangten und infolgedessen für das Fortbestehen einer jüdischen Gemeinschaft in die Zukunft blicken konnten. Dies wäre auch eine Erklärung dafür, dass rund 22.000 Holocaust-Überlebende im Unabhängigkeitskrieg um Israel nach dessen Staatsgründung kämpften.10 Viele davon waren ehemalige DPs, welche auf deutschem Boden durch die Hagana-Sicherheitskräfte ausgebildet wurden und gemeinsam mit diesen nach 1948 in der israelischen Armee aufgingen.


  1. [1] Vgl. zu diesen Ausführungen: VON BERG, Verwehte Spuren in der Silhöfer Au, https://www.giessener-anzeiger.de/lokales/aus-der- nachbarschaft/mittelhessen/verwehte-spuren-in-der-silhofer-au_18661740 []
  2. HARRISON, Report of Earl G. Harrison, https://germanhistorydocs.ghi-dc.org/pdf/eng/Harrison_Report_ENG.pdf []
  3. URBAN, Trauma und Überlebenswillen, https://www.hagalil.com/2018/02/soldaten-fuer-erez-israel/ []
  4. „Trotz alledem lebe ich“ auf https://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/dp_camps/inde []
  5. TOBIAS, Eine jüdische Stadt in Wetzlar, https://www.hagalil.com/2014/01/wetzlar/n []
  6. Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte, https://www.after-the-shoah.org/wetzlar-juedisches-dp-lager-jewish-dp-camp/ []
  7. TOBIAS, Eine jüdische Stadt in Wetzlar, https://www.hagalil.com/2014/01/wetzlar/ [] []
  8. WETZEL, „Displaced Persons“ Ein vergessenes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte []
  9. Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts e.V., https://www.after-the-shoah.org/wetzlar-juedisches-dp-lager-jewish-dp-camp/ []
  10. TOBIAS, Soldaten für Erez Israel, https://www.hagalil.com/2018/02/soldaten-fuer-erez-israel/ []

Tom Scheinpflug

Ich habe 2019 mein Abitur am Siebengebirgs-Gymnasium in Bad Honnef gemacht und studiere seit dem Wintersemester 2019/20 Geschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.

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