Über einen vergessenen Begriff — Jüdische Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland

Hermann Bader — mein Urgroßvater — war vieles. Jüdischer Pole, polnischer Jude, angehender Rabbiner, Partisane, Zwangsarbeiter, KZ-Häftling, Unternehmer. Und Displaced Person (DP). Ja, ein kleiner Teil seiner Identität war auch davon geprägt, ein DP gewesen zu sein.

DP, Displaced Person, ein vergessener Begriff. Ein vergessener Begriff im kollektiven Erinnern in Deutschland; ein vergessener Begriff im privaten Erinnern der Familie. Nach dem Zweiten Weltkrieg war vor allem die Vergangenheit präsent, und die Suche nach der Zukunft. Die Gegenwart, das Ausharren auf deutschem Boden — im Land der Täter*innen — war für die meisten jüdischen DPs nur ein Zwischenschritt. Die Weiterreise, meist in die USA, nach Kanada und vor allem nach Palästina/Israel, war das Ziel. War dieser Schritt in eine neue Zukunft erfolgt, sollte ein neues Leben beginnen. Die Erinnerungen an die unmittelbare Zeit nach dem Krieg, das Leben als DP, verschwand hinter dieser neuen Gegenwart und der Blick zurück war wohl eher geprägt von den traumatisierenden Erfahrungen der Kriegsjahre, als vom DP-Dasein danach.

Doch was genau ist ein DP? Im weitesten Sinne waren damit alle Menschen gemeint, die ihr Heimatland aufgrund des Krieges hatten verlassen müssen und nicht in der Lage waren, ohne Unterstützung in dieses zurückzukehren.1 Später, nach Gründung der International Refugee Organization (IRO), die ab dem Jahr 1946 für die Organisation und Unterstützung der DPs zuständig war und dabei die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) ablöste, wurde die Definition enger gefasst: Demnach bezeichnet ‚Displaced Person‘ „eine Person, die … aus ihrer Heimat deportiert wurde oder gezwungen wurde, das Land ihrer Nationalität oder ihren früheren ständigen Wohnsitz zu verlassen, etwa Personen, die zur Zwangsarbeit genötigt wurden oder die aus rassistischen, religiösen oder politischen Gründen deportiert wurden.“2

Es wird davon ausgegangen, dass es im Jahr 1945 etwa 10 bis 12 Millionen solcher Displaced Persons in Europa gab, alleine in Deutschland waren es mehr als 8 Millionen.3 Das Schicksal dieser großen Zahl an Menschen ist dennoch stark in Vergessenheit geraten. Die kriegsmüde deutsche Bevölkerung hatte sich schnell nach dem Krieg nicht mit ihrer Schuld auseinandersetzen wollen, nicht damit auseinandersetzen können. Aus den Hakenkreuzfahnen wurden Rotkäppchen-Kleider für die Töchter genäht.4 Als die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in den 60er Jahren langsam und fragmentarisch in Gang kam, war die DP-Problematik, quasi als Spätfolge des Kriegs, ein nachrangiges Thema. Das Vergessen der DP-Lagerstrukturen, die teilweise bis weit in die 50er Jahre bestanden hatten, ist in Deutschland allgegenwärtig. Das Verhältnis zwischen der deutschen Bevölkerung und den DPs war meist von gegenseitigem Misstrauen, Vorurteilen und Stereotypen geprägt, es gab nur wenig engen Kontakt. Für das Leben der She’erith Hapletah (hebr.: Rest der Geretteten), so die Selbstbezeichnung der jüdischen Überlebenden, spielte die deutsche Umgebung kaum eine Rolle.5

Das Schicksal von Hermann Bader und seiner Frau Ida, die sich kurz nach dem Krieg in München kennenlernten, steht stellvertretend für die große Zahl jüdischer DPs, die sich nach dem Krieg in Deutschland aufhielten — trotz der Grauen des Holocausts. Das hing damit zusammen, dass in ihren meist osteuropäischen Heimatorten in der Regel keine erstrebenswerte Zukunft auf sie zu warten schien und der Antisemitismus vielerorts ungebrochen war. Der Pogrom im polnischen Kielce im Juli 1946, bei dem über 40 polnische Jüdinnen und Juden ermordet wurden, führte zu einem Exodus aus Osteuropa. Die meisten Menschen begaben sich in die US-amerikanische Besatzungszone, um von dort eine Ausreise in die USA, nach Kanada oder nach Palästina vorzubereiten.6

Meine Urgroßeltern hatte es in ein DP-Lager in oder bei München verschlagen. Das wenige, was ich bisher über ihre Geschichte kenne, weiß ich zum Großteil aus der Erzählung meines Großvaters, ihres Sohnes. Er wurde erst 1947 geboren, bekam von der Zeit als DP selbst also nichts mit. Und was er mir erzählen konnte, das weiß er selbst meist nur, weil er die Gespräche der Eltern als Kind mithören konnte und — anders als die Eltern dachten — ihr Polnisch verstehen konnte. Auch mein Urgroßvater hatte das Ziel zu emigrieren. 1949 wanderte die kleine Familie in den neu gegründeten Staat Israel aus. Über das Verhältnis der Familie zur deutschen Bevölkerung in den Nachkriegsjahren weiß ich nichts. Hermann Bader zog aber wohl in kürzester Zeit einen relativ erfolgreichen Fischgroßhandel auf und lebte zur Zeit der Ausreise nicht mehr in einem DP-Lager. Völlig isoliert konnte er also nicht gewesen sein. Es gibt ein Bild meiner Urgroßmutter, das sie bei der Landwirtschaft zeigt. Es ist beim Arbeiten in einem DP-Camp aufgenommen worden. Zumindest zeitweise haben die Baders also in einem solchen Lager gelebt, soviel weiß ich. Ich weiß nicht, wie die beiden aus Polen — wo sie am Ende des Krieges beide in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen waren — nach München gelangt sind. Ich weiß nicht, wie und wo genau sie sich kennengelernt haben. Und ich weiß nicht, in welchem DP-Lager sie untergebracht waren. Möglicherweise in Föhrenwald, dem größten jüdischen DP-Camp. Es kann aber genauso gut eines der vielen anderen Lager gewesen sein. In einem Formular vom 7. März 1949, dem sogenannten „Application for Assistance“, das DPs ausfüllen mussten, um weitere Unterstützung von der IRO zu erhalten, ist für die Zeit seit April 1945 nur vermerkt, dass Hermann Bader Händler in München sei, Wohnsitz privat. Eine genaue Aufschlüsselung vergangener Wohnorte ist nicht ersichtlich.7 Weitere Recherchen sollen Schritt für Schritt Licht ins Dunkel des Vergessens bringen.

DPs waren nach ihrer nationalen Zugehörigkeit zusammengefasst. Für die jüdischen Überlebenden hieß das, dass beispielsweise polnisch-jüdische DPs zunächst mit anderen Polinnen und Polen zusammengelegt waren und nicht anderen Jüdinnen und Juden, etwa aus Litauen. Die Problematik, die sich daraus für jüdische DPs ergab, beschreibt folgendes Zitat von Jacob Olejski, einem bedeutenden Aktiven im DP-Lager in Landsberg am Lech, gut:

„Nein, wir sind keine Polen, trotzdem wir in Polen geboren sind, wir sind keine Litauer, wenn auch unsere Wiege einstmals in Litauen gestanden haben mag; wir sind keine Rumänen, wenn wir auch in Rumänien das Licht der Welt erblickt haben. Wir sind Juden.“8

Eine grundlegende Veränderung für jüdische DPs zog der sogenannte Harrison-Report nach sich, der für den US-amerikanischen Präsidenten Truman angefertigt wurde und im September 1945 veröffentlicht wurde. Dort heißt es:

„Das erste und wesentlichste Bedürfnis dieser Menschen ist die Anerkennung ihres aktuellen Status und damit meine ich, ihren Status als Juden … Juden als Juden (und eben nicht als Angehörige anderer Nationalitäten) wurden in ungleich größerem Umfang zu Opfern als Nichtjuden derselben oder anderer Staatsangehörigkeit.“9

In der Folge wurden jüdische DPs — zumindest in der US-Zone — als Gruppe mit besonderen Bedürfnissen anerkannt und in gesonderte Lager verlegt, wo ihnen ein hohes Maß an Autonomie zugestanden wurde.10 Es gab ein reges religiöses, sportliches und kulturelles Leben. Orchester und Theatergruppen wurden gegründet, Zeitungen herausgegeben, sportliche Aktivitäten organisiert. Das Wiederaufleben der jüdischen Kultur geschah ausgerechnet auf deutschem Boden, auf einem Gebiet, das noch wenige Monate zuvor als „rassisch reiner Raum” deklariert worden war. Auch war die Neugeborenenrate in den jüdischen DP-Camps damals die höchste der Welt, in Föhrenwald etwa kamen rund 700 Kinder zu Welt.11 In den Lagern war die Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina allgegenwärtig, die Kinder wurden mit diesem Ziel im Kopf erzogen. Hebräisch, jüdische Geschichte und die Geographie Israels wurden in den Lehrplan aufgenommen, die Jugendlichen auf das zukünftige Arbeitsleben vorbereitet. Es gab Näh- und Schneiderkurse und vor allem landwirtschaftliche Ausbildung. Darüber hinaus wurde auch — mit sehr begrenzten Mitteln — das Kämpfen erlernt. Über 20.000 Soldaten und auch Soldatinnen, ca. ein Drittel der Kämpfer*innen im Unabhängigkeitskrieg, wurden in den DP-Lagern in Deutschland rekrutiert.12 Wie die Baders wanderten von den einstmals rund 200.000 jüdischen DPs in Deutschland ca. zwei Drittel nach Palästina beziehungsweise Israel aus. Anfangs, da Großbritannien den Zuzug in sein Mandatsgebiet begrenzen wollte, gelangten viele „illegal“ über Italien oder Frankreich mit dem Schiff in die neue Heimat. Letztlich blieben nur etwa 12.000 jüdische DPs in Deutschland.9

Hermann Bader konnte in Israel allerdings nicht Fuß fassen, 1953 kehrte die Familie nach Deutschland zurück. In Augsburg errichtete er einen Textileinzelhandel, „Textil-Bader“. Ende der 1980er Jahre emigrierten meine Urgroßeltern schließlich in die USA. Trotz all der Jahre in Deutschland sollten sie nicht in deutscher Erde begraben werden. Ob Hermann und Ida jemals irgendwo wirklich ankommen konnten, kann ich nicht sagen, ich habe sie nie kennen gelernt. Vielleicht fühlten sie sich ihr Leben lang displaced. Was sie aber nicht sind, im Gegensatz zu ihrer Zeit als Displaced Persons, das ist vergessen.


  1. Philipp Strobel, Nikolaus Hagen: New Perspectives on Displaced Persons (DP’s) in Austria, in: Zeitgeschichte 47/2 (2020), S. 165–179, hier S. 167. []
  2. Wofgang Jacobmeyer: Vom Zwangsarbeiter zum Heimatlosen Ausländer. Die Displaced Persons in Westdeutschland 1945—1951 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 65), Göttingen 1985, S.163. []
  3. https://dpcampinventory.its-arolsen.org, zuletzt besucht: 9. Januar 2021; Anna Holian: A missing narrative. Displaced Persons in the History of Postwar West Germany, in: Wilhelm, Cornelia (Hg.): Migration, Memory and Diversity. Germany from 1945 to the Present (Studies in contemporary European history 21), New York 2017, S. 32-55, hier S. 33. []
  4. Vgl. Wiebke Bruns: Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie, Frankfurt a. M. 2007, S. 21. []
  5. Vgl. Angela Eder: Jüdische Displaced Persons im deutschen Alltag. Eine Regionalstudie 1945 bis 1950, in: Fritz Bauer Verlag (Hg.): Überlebt und Unterwegs. Jüdische Displaced Persons im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt a. M. 1997, S. 167ff. Vereinzelt sind aber auch intime Kontakte belegt, etwa Eheschließungen zwischen DPs und deutschen Frauen oder deutsche Kindermädchen bei jüdischen DP-Familien. Vgl. dazu Atina Grossmann: Jews, Germans, and Allies: Close Encounters in Occupied Germany, Princeton 2007. []
  6. Susanne Urban: Jüdische Displaced Persons: Trauma und Überlebenswillen, 2012, https://www.yadvashem.org/de/education/newsletter/8/jewish-dp-camps.html, zuletzt besucht: 9. Januar 2021. []
  7. 3.2.1/78894931/ITS Digital Archive, Arolsen Archives. []
  8. Zitat aus einer Rede von Jacob Olejski, nach Eder, 1997, S. 164. []
  9. Susanne Urban, 2012. [] []
  10. Dies gilt im Allgemeinen auch für nichtjüdische DP-Camps. []
  11. Thies Marsen: Schauplatz einer Wiedergeburt jüdischen Lebens. Heimatlosen-Lager Föhrenwald in Bayern, Podcast Deutschlandfunk Kultur, 2020, https://srv.deutschlandradio.de/dlf-audiothek-audio-teilen.3265.de.html?mdm:audio_id=871015, zuletzt besucht: 9. Januar 2021. []
  12. Alois Berger: Verschwiegene Nachkriegsgeschichte. Föhrenwald – ein Schtetl in Bayern, 2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/foehrenwald-ein-schtetl-in-bayern-verschwiegene.976.de.html?dram:article_id=477358, zuletzt besucht: 9. Januar 2021. []

Jared Schauer

Seit 2019 studiere ich Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Bonn, wo ich seit 2020 als Studentische Hilfskraft am Institut für Geschichtswissenschaft arbeite. Mein Augenmerk liegt besonders auf der deutschen Geschichte der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus sowie der Erinnerungsvermittlung dieser Epoche. Durch meine familiengeschichtliche Verbindung ins östliche Europa beschäftige ich mich insbesondere mit den historischen Wechselwirkungen zwischen Deutschland und dieser Region.

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