Rezension zu: Internat von Serhij Zhadan (2018)

„Vom Geist der Anarchie und Poesie inspiriert“ – so titelt der Suhrkamp-Verlag auf dem Rückdeckel von Serhij Zhadans Debutroman Depeche Mode (2004).

Anarchie als Thema zieht sich durch viele von Zhadans Werken, angefangen von den chaotischen quasi-anarchischen Zuständen der jungen post-sowjetischen Ukraine in Depeche Mode bis zur der Erkenntnis in Anarchy in the UKR, dass niemand mehr den anarchistischen Revolutionär Nestor Machno kennt. Die beiden Bücher lesen sich in Teilen wie Free Jazz-Stücke, schnell, chaotisch und unvorhersehbar – doch die Anarchie, die Zhadan in Internat schildert, ist anders. 

14 Jahre später muss sich Zhadan nicht mehr von Anarchie inspirieren lassen, der Donbass, Zhadans Heimat, ist mehr oder weniger in ihr versunken. Internat sei „ein Roman über den unerklärten Krieg und den Versuch, dem sinnlosen Sterben zu trotzen“. In Anarchy in the UKR prophezeite Zhadan schon treffend: „Versuch mal, die Politik loszuwerden, mal sehen, ob es dir gelingt […]“, nun konstatiert er auch in Internat, dass, sich niemand mehr raushalten konnte, als geschossen wurde, obwohl mit Politik keiner was am Hut hatte. 

Die Hauptfigur Pascha ist ein junger Lehrer, der sich aufmacht, seinen Neffen aus einem Internat im Kriegsgebiet des Donbass‘ nach Hause zu holen. Die gesamte Handlung erstreckt sich nur über drei Tage und drei Nächte – über den Weg zum Internat hin und wieder zurück. Zhadan gelingt es in seiner gleichsam präzisen und auch düsteren Erzählung, Szenerie, Opfer und Zerstörungskraft des Krieges sowie Gefühle und Ängste der Menschen eindrucksvoll einzufangen. Pascha ist kein außergewöhnlicher Protagonist, er ist weder besonders mutig noch entschlossen: Er zweifelt an sich, an seinem Vorhaben, hat Angst und versucht, niemandem aufzufallen. Internat ist kein Buch über heldenhafte Taten, sondern vielmehr eines über normale Menschen, die sich in einer alles anderen als normalen Situation zu recht finden und überleben müssen. Der/Die Leser*in weiß jederzeit genau so wenig wie Pascha, wo die Reise hingeht, ob sie weitergeht, oder ob sie erfolgreich enden wird. Die Spannung ist allgegenwertig, tritt aber manchmal dezent in den Hintergrund und macht Platz für das Grotesk-Komische oder für düstere Hoffnungslosigkeit. Passagen wie: „Die Absätze sind mit der Zeit so schief geworden, von hinten sieht es so aus, als hätte die Frau Hufe“ (S. 76) sorgen für vereinzeltes Schmunzeln, bevor man im nächsten Satz wieder an Granateneinschläge, Maschinengewehrsalven und das Rollen von Panzerketten über Asphalt erinnert wird. 

Zhadans Prosa ist vielseitig; lange Monologe und detailreiche Beschreibungen wechseln sich mit Seiten ab, die nur aus Dialogen bestehen, meisterhaft übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr, die für ihre Arbeit mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurden.

Zhadans Schilderungen über das Leben im vom Krieg gezeichneten Donbass wirken außerordentlich realistisch, obwohl Zhadan selbst nicht am Kriegsgeschehen teilgenommen hat. Er besuchte jedoch häufig die Frontlinie und gründete 2017 eine nach ihm benannte Stiftung zur Unterstützung der vom Krieg betroffenen Menschen und Städte an der Front. Zhadan, der in Starobilsk in der Luhansker Oblast geboren ist, und sein Leben lang in der Ostukraine verbracht hat, scheint einen besonderen Einblick in das Innere der Menschen in dieser Region zu haben, was sich in seinen Werken widerspiegelt. In seinem musikalischen Nebenprojekt Zhadan i Sobaky (Zhadan und die Hunde), findet sich sein Stil ebenfalls wieder, hier aber in lyrischer Form. Die Musik der Ska-Punk-Band ist jedoch eher melodisch als anarchisch, sie hält sich eher an Konventionen als Zhadans Prosa. Die Texte reichen von politisch-humoristischen Kommentar (заїбали/zajibali) bis zu etwas leichteren Hymnen (Рок музикант/rok muzikant).

Allen Interessierten, die eine beeindruckende und zugleich bedrückende belletristische Darstellung des Donbass-Krieges lesen wollen, sei Internat ans Herz gelegt. Wer Zhadans jüngere, wildere Seite kennenlernen möchte, kann zu Depeche Mode oder Anarchy in the UKR greifen – wer über den Sinn des Lebens nachdenken möchte zu der Erfindung des Jazz im Donbass, dem BBC-Buch des Jahrzehnts in der Ukraine.

Internat von Serhij Zhadan, Suhrkamp-Verlag (2018), ISBN: 978-3-518-42805-4, gebunden, 300 S. 22,00€

Sebastian Döpp

Sebastian Döpp studiert seit 2015 Geschichte, Anglistik/Amerikanistik und Public History an der Ruhr Universität. Seit April 2018 arbeitet er als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte (Prof. Stefan Plaggenborg). Sebastian Döpp beschäftigt sich hauptsächlich mit Erinnerungskulturen in Osteuropa sowie mit Geschichtskultur, Geschichtspolitik und Gewaltgeschichte. Im Rahmen seiner Tätigkeit am Lehrstuhl nahm er an mehreren Projekten und Studienfahrten in Polen, Rumänien, der Republik Moldau und der Ukraine teil. Zuletzt betreute er mit Dr. Olena Petrenko ein Forschungsprojekt zu den Erfahrungen von Displaced Persons in der Ostukraine. Ehrenamtlich engagiert er sich neben dem Fachschaftsrat Geschichte auch in der Initiative Nordbahnhof e.V. und bei Gegen Vergessen - für Demokratie e.V.

Ein Gedanke zu „Rezension zu: Internat von Serhij Zhadan (2018)

  • 29. Juni 2020 um 23:34
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    Tolle Rezension! Man kriegt direkt Lust, alle vorgestellten und erwähnten Werke zu lesen.

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